DER SICHERHEITSDIENST

36 DSD 3 | 2026 CYBERSICHERHEIT Cyberangriff: Wer entscheidet jetzt? Von Andreas Albrecht Ein Angriff legt zentrale Systeme lahm, die Produktion stockt, Kunden warten auf Lieferungen. Dann muss die Geschäftsführung innerhalb kurzer Zeit Entscheidungen treffen. Viele Unternehmen sind darauf noch unzureichend vorbereitet. Montagmorgen, kurz vor Produktionsbeginn. Mehrere Beschäftigte können sich nicht mehr anmelden, Dateien lassen sich nicht öffnen. Wenig später steht fest: Teile des Unternehmensnetzes wurden verschlüsselt. Die IT trennt weitere Systeme vom Netz, um eine Ausbreitung zu verhindern. Schon diese Maßnahme kann den Betrieb erheblich beeinträchtigen. Produktionsdaten fehlen, Aufträge lassen sich nicht bearbeiten oder Waren nicht ausliefern. Gleichzeitig ist noch unklar, welche Systeme betroffen sind und ob die Angreifer weiterhin Zugriff haben. Die IT versucht nun, den Angriff einzudämmen und die betroffenen Systeme zu untersuchen. Parallel müssen Entscheidungen über den weiteren Betrieb fallen. Soll die Produktion heruntergefahren werden? Welche Systeme werden beim Wiederanlauf zuerst benötigt? Wann können Kunden verlässlich über Lieferverzögerungen informiert werden? Darüber kann die IT beraten, entscheiden muss am Ende die Unternehmensleitung. Auf eine solche Situation sind viele Unternehmen nur bedingt vorbereitet. In einer Bitkom-Erhebung von 2025 gaben 39 Prozent der mehr als 1.000 befragten Unternehmen ab zehn Beschäftigten an, über kein Notfallmanagement für Datendiebstahl, Industriespionage oder Sabotage zu verfügen. Im selben Jahr bezifferte Bitkom die Schäden durch Cyberangriffe für die deutsche Wirtschaft auf mehr als 200 Mrd. Euro. Technische Schutzmaßnahmen bleiben die erste Verteidigungslinie. Doch auch Firewalls, aktuelle Software und Datensicherungen können einen erfolgreichen Angriff nicht ausschließen. Zugangsdaten werden gestohlen, Schwachstellen ausgenutzt oder Angreifer gelangen über einen externen Dienstleister ins Netz. Die Frage, was nach einem erfolgreichen Angriff geschieht, gehört deshalb ebenso zur Vorbereitung wie dessen technische Abwehr. Angriffe werden schwerer erkennbar Ransomware gehört weiterhin zu den Angriffsmethoden mit besonders schweren Folgen. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) beobachtet seit Jahren eine Professionalisierung und Arbeitsteilung der Täter. Häufig werden Daten zunächst kopiert und anschließend verschlüsselt. Mit der Drohung, vertrauliche Informationen zu veröffentlichen, versuchen die Angreifer, zusätzlichen Druck auf ihre Opfer auszuüben. Dabei kann einige Zeit vergehen, bevor ein Angriff sichtbar wird. Den ersten Zugang verschaffen sich Täter beispielsweise über gestohlene Zugangsdaten oder Sicherheitslücken. Anschließend versuchen sie, weitere Berechtigungen zu erhalten und zusätzliche Systeme zu erreichen. Die Verschlüsselung, die schließlich den Betrieb beeinträchtigt, kann am Ende einer längeren Vorbereitung stehen. Weiterhin häufig angegriffen werden Beschäftigte. Phishing-Mails greifen reale Geschäftsvorgänge auf, imitieren bekannte Absender und sind sprachlich oft kaum noch mit den fehlerhaften Massenmails früherer Jahre vergleichbar. Generative KI erleichtert es, solche Nachrichten auf bestimmte Empfänger zuzuschneiden. Auch manipulierte Stimmen oder Bilder erweitern die Möglichkeiten für Betrugsversuche. Bislang verursachen jedoch bekannte Angriffsmethoden wesentlich häufiger Schäden. Nach Bitkom-Angaben waren Deepfakes und sogenannte Robocalls 2024 jeweils bei drei Prozent der Unternehmen für Schäden verantwortlich. Ransomware, Phishing und Angriffe auf Passwörter lagen deutlich darüber. Schwer kontrollierbar sind außerdem Angriffe, deren Ausgangspunkt außerhalb des eigenen Unternehmens liegt. Fast jedes zehnte Unternehmen wusste 2025 laut Bitkom von einem Angriff auf einen Zulieferer innerhalb der vorangegangenen zwölf Monate; weitere 19 Prozent hatten einen entsprechenden Verdacht. Besonders relevant sind dabei externe IT-Dienstleister, die über Fernzugänge oder privilegierte Konten mit den Systemen ihrer Kunden verbunden sind. Im Mittelstand treffen diese Risiken häufig auf IT-Strukturen, die über Jahre gewachsen sind. Freier Fachredakteur und Journalist Andreas Albrecht

RkJQdWJsaXNoZXIy Mjc4MQ==